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Eine Frage zur Höflichkeitsform: Während im Deutschen in der formellen Sprache fast ausschliesslich SIE und IHNEN verwendet wird, liest man das in Norwegen fast nie.

In welchen Fällen muss ich als Privatperson dennoch DE bzw. DEM verwenden (mündl. oder nur schriftl.)? Ich bin bisher nur 2 x selbst so ansprochen worden - 1 x von einer Kanzlei und 1 x von einem übereifrigen Jurastudenten aber nie auf öffentlichen Ämtern oder ähnlichen Institutionen.

Vielen Dank im voraus für Eure Antworten.

20.04.09 13:20
Hi,

also habe es noch nie in Norwegen erlebt, dass jemand mich mit "de" angesprochen hat. Sogar auf Bewerbungen usw. haben die Chefs mich immer mit dem Vornamen angeschrieben.

Es kann so gut wie nie falsch sein zu dutzen.

20.04.09 13:46
Faustregel: Nur wenn man der König oder Königin ansprechen würde, sollte man sie nicht duzten.

Viele Grüße
Björnar

20.04.09 15:07, Geissler de
Mein erster Norwegischlektor hätte da widersprochen, aber das war auch ein Døl mit radikalen Tendenzen. :-)
Meine Frau stand als Austauschschülerin in Japan anläßlich eines Empfangs an der dortigen norwegischen Botschaft vor dem besagten Anredeproblem, als sie mit der damaligen Kronprinzessin Sonja sprach. Sie löste es, indem sie die Anrede vermied.

20.04.09 15:40
Wenn der König angesprochen wird, sagt man dann nicht seine Majestät statt SIE?
Stella <de>

20.04.09 15:45, MichaV de
Ich habe Briefe von der Bank bekommen, in denen ich mit "De" angeredet wurde. Aber im Kundengespräch war ich dann wieder "du".

20.04.09 16:15, Geissler de
"Seine Majestät" sagt man, wenn man über den König spricht. "Eure Majestät" wäre auf Deutsch richtig. In der Praxis habe ich es (bei Interviews) mehrfach gehört, daß der König (und andere Mitglieder des Königshauses) auf Norwegisch quasi in der dritten Person angesprochen wird ("Hva synes Kongen om ...")

20.04.09 20:09
So geht die Etikette: Wenn man den König oder die Königin begegnet, sagt man beim Vorstellen und Abschied "Deres
Majestet", sonst sind sie im Gespräch mit "Kongen" od. "Dronningen" anzureden, zwischendrin auch mit
DeDemDeres.

Dasselbe gilt für das Kronprinzenpaar. Erst "Deres Kongelige Høyhet," danach "Kronprinsen" oder "Kronprinsessen".

Bei öffentlicher Anrede: Deres Majestet (Deres Majesteter, wenn beide anwesend sind), Deres Kongelige Høyhet(er).

Abkürzungen: HM Kongen, HKH Kronprinsen, aber DDMM Kongen og Dronningen, DDKKHH Kronprinsen og
Kronprinsessen.

20.04.09 21:11
Frage an den Fragesteller : gab es bei dem "übereifrigen Jurastudenten" einen ironischen Unterton ? Die Höflichkeitsform ist im mündlichen Umgang mittlerweile dermassen unüblich geworden, dass sie komisch wirkt und deshalb höchstens unter Kollegen oder Bekannten mal aus einer unernsten Laune heraus verwendet wird.
Schriftlich trifft man das " De " , mit vielen Ausnahmen , nach wie vor an, wie schon oben erwähnt, findet es in Behördenschreiben, Formbriefen von Arbeitgebern und selten in Werbeschreiben Verwendung.
Der Richterverband protestierte vor einem Jahr gegen die Abschaffung der De -Anrede in Vorladungen, Einbestellungen zum Haftantritt und dergleichen. Da ich nur über unzureichende kriminelle Erfahrungen verfüge, kann ich nicht beurteilen, ob sie das letzte Wort behalten haben.

Wann fing das "De " an zu verschwinden ? Sukzessive nach 1968. Die Zeitungen stellten ab ca 1980 von " De " auf " du " um, ich glaube der letzte Aufmacher in Dagbladet, der noch De verwendete hiess " Liker De rock ? ".
Richtig konsequent war das " De " allerdings nie verbreitet. Vor ein paar Jahren sprach ich mit einem älteren Ehepaar ( gehobenes Bürgertum, efter, nu , gjestebud, Hut mit Schleier , Anzug mit Weste ). Im Laufe des Gespräches zog die Ehefrau ihren Mann damit auf, er habe sie früher immer dafür verspottet, dass sie " De " zu den Leuten sagen würde. Früher war in diesem Fall vor dem Krieg.

Lemmi

20.04.09 23:41
Ich glaube, dass ein wesentlicher Schritt in diesem Prozess war, als man im Militär schon kurz nach dem Krieg die
De-Form ganz weggelassen hat; ich meine gehört zu haben, dass es mit dem solidarischen Widerstandsgeist 1940-
45 zusammenhing, und dass bei den norw. Streitkräften in England und Amerika schon während des Krieges üblich
wurde, "du, general," "du, major" und "du, soldat" zu sagen.

Ca um die Mitte der 70er Jahre wurde es freiwillig, ob man bei einem Interview in der NRK mit "De" oder "du"
angeredet werden wollte; man wurde dann vor dem Gespräch gefragt, welche Form man vorziehen würde. Die
Mehrheit wollte mit "du" angeredet werden, und ziemlich schnell ist die De-Form in den Sendungen dann selten
geworden. Ich glaube, das war wohl das Ende von der De-Form, denn wenn man die Form nicht mehr hört, und im
Fernsehen und sonst weder General noch Ministerpräsident mit "De" angeredet wird, na, wen soll man denn mit De
anreden?

Den König, eben, und immer noch bei Anrede in gewissen formulativen Schreiben und Akten - oder wie von Lemmi
erwähnt - ironisch gemeint.

Als Norweger vermisse ich manchmal aber die Möglichkeit, einen gewissen Distanz zu erhalten, die ich aus anderen
Sprachen kenne. Sophie Helene Wigert, eine der Leitfiguren in der Riksmålsbewegung und eine formidable
Kulturpersönlichkeit, sagte immer "De" zu allen Menschen ausserhalb ihrer Familie und allernahesten Freunden. Sie
gab als Grund an (sie hatte ein sehr leicht anzündbares Temperament):

"Jeg kunne så lett komme til å si 'du, din dritt!' til et annet menneske, men aldri 'De, Deres...'!"
:-)

21.04.09 21:43
Elsker disse små historiene. Riktig interessant å lese!