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Hallo, die unteren Sprachdebatten fand ich ganz interessant. Dazu habe ich eine Frage. Was ist Danonorwegisch? Ist es mit Rikmaal gleichzusetzen? Also eine Variante des Bokmaal?

Vielen Dank!

06.02.10 16:27, Geissler de
Das ist meines Wissens kein klar definierter Begriff. Er wird (ich kenne ihn aber nur aus der englischsprachigen Literatur, als Dano-norwegian) etwa für die Sprache Ibsens benutzt. Dessen Sprache ist ja grammatisch weitestgehend dänisch (inkl. dänischer Pronomina und des dän. Infinitivmarkers "at") aber lexikalisch norwegisch beeinflußt, und ausgesprochen wird er es auch norwegisch haben.

06.02.10 16:32, Geissler de
Jetzt blaube ich mich wieder zu erinnern, wo ich ihn gelesen habe: Der Joyce-Biograph Ellmann benutzt ihn, wenn er schreibt, Joyce habe "Dano-Norwegian" gelernt, um Ibsen im Original lesen zu können. Eigentlich ist das aber wurst, Ellmann hätte genausogut "Danish" oder "Norwegian" schreiben können -- das gibt sich um 1900 nicht besonders viel.

06.02.10 16:37, Mestermann no
Danonorwegisch ist die Vorstufe zu Riksmål und Bokmål. Also die Schrift- und Bildungssprache, die Norwegen und
Dänemark gemeinsam hatten, und aus dem Dänischen stammte, dh.ursprünglich eigentlich rein Dänisch war.

Rein sprachgeschichtlich gesehen sind die Unterschiede zw. modernem norwegischen Bokmål/Riksmål und
modernem Dänisch noch sehr gering - die Unterschiede bestehen vor Allem in der Aussprache, danach in den
unterschiedlichen idiozynkratischen Ausdrücken und Redewendungen und endlich in unterschiedlichen
Rechtschreibungen. Die letzteren zwei Unterschiede sind aber nicht grösser, als dass ein Norweger ohne Probleme
ein dänisches Buch lesen kann. Man kann also sprachgeschichtlich noch mit einem gewissen Vorbehalt von "einer"
dano-norwegischen Sprache sprechen, oder jedenfalls von zwei sehr eng mit einander verbundenen und gemeinsam
verwurzelten Brudersprachen.

06.02.10 16:48, Mestermann no
Aber Geissler hat recht, wenn er schreibt, dass der Begriff nicht klar definiert ist. Er wird auch nicht im
Norwegischen benutzt. Wir würden dansk-norsk sagen, und damit meinen wir ungefähr die Bildungs- und
Verwaltungssprache Norwegens bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. Henrik Wergeland (1808-1845) nahm als erster
Dichter systematisch norwegische Ausdrücke und Redewendungen in seine Sprache auf, die aber syntaktisch und
grammatisch noch ganz dänisch ist. Mit den Volksmärchen (1843), gesammelt von Asbjørnsen und Moe, wurde die
Grundlage einer deutlich vom Dänischen abweichenden Literatursprache gelegt; diese Bücher sind syntaktisch und in
den Redewendungen norwegisch geprägt und bei Bjørnson und Ibsen ist Wortwahl und Tonfall eindeutig
"norwegisch", wobei verständlich auch für Dänen - die Rechtschreibung liegt noch sehr nahe ans Dänische - und in
Kopenhagen erschienen. Ob das nun dansk-norsk ist, ist eine Definitionsfrage. Wenn man hier ein bisschen weit
definiert, spricht eine Mehrheit der Norweger immer noch dansk-norsk...

07.02.10 11:46
Vielen Dank, sehr interessant!!!