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Der Leithirsch
der alleine auf die Lichtung geht
und der Herde zeigt
wie sie sich verhalten soll etc. pp.

hat Herr Jauch den Spiegel schreiben lassen

wenn ich das mit meinen Mitteln in das Norwegische uebertrage
sage ich:

hjorten som viser seg alene paa lysningen
og viser flokken hvorden dem skal vorholder seg

da bekomme ich irgendwie den Eindruck das ich dramuturgisch flach daherkomme

will jemand darauf eingegen?

Reinhard

26.02.12 04:51, Mestermann no
Schwierig - aber nicht aus Übersetzungsgründen, sondern stilistisch. Ich habe das Zitat zwar nicht im Internet
gefunden, nehme jedoch an, es geht um die Diskussion zum Verhalten und zur Rolle des deutschen
Bundespräsidenten?

Etwas frei könnte man es vielleicht so übersetzen: "Kronhjorten, som alene går foran ut i lysningen og viser resten
av flokken hvordan den bør te seg."

Aber pass mal ein wenig auf: Dieses Bild wird wohl nicht ganz bei Norwegern ankommen, jedenfalls nicht als ein
seriös gemeintes Bild, denn es beruht auf rhetorisch-stilistischen Mitteln, die in unserer Literatur und Rhetorik nicht
häufig vorkommen: Der Vergleich zwischen einem (stolzen, edlen) Tier und einem Menschen (einem Politiker), und
also dadurch auf einer generell verbreiteten Bambifikation der Tierwelt, also auf einer äusserst romantisierten
Auffassung der Natur od. lyrischer Verwendung von (vermutlich beseelten) Naturerscheinungen.

Mag sein, dass es mit der mehr unmittelbaren Nähe zur Natur, oder mit einer etwas andersartigen, literarischen und
rhetorischen Entwicklung zu tun hat, aber man muss wohl zurück ins 19. Jahrhundert um derartige Vergleiche mit
stolzen Tieren zu finden - "Norges Løve" (Elias Blix), "Kongeørn, med Lenke spendt om sit Been og Vingen brudt"
(Wergeland).

In neuerer Literatur, vor allem nach dem 2. Weltkrieg, kommen solche Simili meist nur ironisch oder halbironisch vor:
"Ørnen blant partiene" (Roy Jacobsen; hier ist die norw. Arbeiterpartei gemeint); "de antediluvianske skrekkøgler"
(Fosnes Hansen; zu Gestalten aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts); "han var en løve på partikontoret og
en pusekatt på Stortinget" (zu so später Stunde unbekannt).

Über unseres eigenes Staatsoberhaupt, König Harald, der gerade 75 wurde (21.2.), sind in den letzten Tagen viele,
lobende Worte geäussert worden, aber darunter findet man keinen Vergleich mit irgendwelchem edlen Tier, weder
Löwe, Hirsch, Adler, Rentier, Luchs oder anderen stolzen Mitgliedern der Zoologie. Aber Achtung: auf Bühne 2 in Det
Norske Teatret in Oslo gibt derzeit Herborg Kråkevik ein Kabarett, worin sie Majestät mit dem aus norwegischen
Kinderliteratur und Trickfilmen sehr bekannten, schüchternern, ängstlichen und nervösen, aber in entschiedenen
Situationen tapferen kleinen Igel Ludvig vergleicht, und siehe: Der Saal ist sofort dick von Bewegung.

Wenn ich also sagen würde: "Som statsoverhode skal Kongen være som en kronhjort for folket sitt og gå foran ut i
lysningen usw", würde das nur überspannt wirken. (Als tapferer, ängstlicher Igel kommt er jedoch ganz gut an).

Dies ist nicht neu. Als sein Vater, König Olav V, 1978 seinen 75. Geburtstag feierte, gab das Nationaltheater eine
Festvorstellung die damit kulminierte, dass Bühne und Saal zusammen, in aller Ernst, und in Gala angezogen, das
Kinderlied "Bamsens Fødselsdag" sangen (aus Thorbjørn Enger: "Klatremus og de andre dyrene i Hakkebakkeskogen",
Zielgruppe 4-10 Jahren), mit dem niedlichen Refrain: "Hipp hurra for Bamsefar, som er så snill og rar!".

Nun, mehr seriös ist von König Harald (wie von seinen zwei Vorfahren) z.B. gesagt und geschrieben worden: "I
krisetider går Kongen foran", "Kongen er en samlingsmann for landet", "Kongen er nasjonens samlingsmerke og
Grunnlovens forsvarer", "etter den 22.7. viste Kongen seg som alles konge", oder wie mein eigener Sohn (von 16
Jahren, aus Prinzip Republikaner) es in der Schulzeitung schrieb: "Kongen gjorde det Kongen skal gjøre: Han viste oss
vei." Also immerhin ganz grosse Worte, aber ohne jeglichen, lyrischen Vergleich mit einem (königlichen) Tier oder mit
anderen Erscheinungen aus der Natur oder Mythologie.

Tentativ könnte man vielleicht eine interessante Beobachtung, wenn auch keine Regel, zur seriösen norwegischen
Rhetorik in Bezug auf grossen Gestalten der Gesellschaft, Politik und Kultur aufstellen: Sie werden vorüberwiegend
nur mit ihren Taten, Verhalten und Zielen verglichen, etwa aus dem Vorbild von Håvamål (um 1200):

Fe døyr; frendar døyr;
Døyr sjølv det same.
Eg veit eitt som aldri døyr:
Dom om daudan kvar.

Vgl. auch dem Ministerpräsidenten Einar Gerhardsen, von dem geschrieben wurde: "kanskje kunne han være lur som
en rev i det politiske spillet, men som statsminister møtte han alltid folk som deres likemann, enkel, nær, beskjeden
og ekte." Oder Stortingspräsident C.J. Hambro: "Hambro kunne virke som en buldrende løve, men like under hans
noe pompøse ytre fant man demokratiets ydmyke tjener og - som alle vil vite - Grunnlovens fremste forsvarer, da
det gjaldt." Hier sind die Tiervergleiche interessanterweise negativ oder ironisch konnotiert - als Bilder an ihren
weniger sympathischen Eigenschaften. Ihr Bestes wird aber in menschlichen Bildern und Taten geschildert und
gelobt.

Nun, bevor dies zu einer Doktorarbeit zu "Zügen aus der norwegischen Rhetorik" wird, schliesse ich lieber ab. Eine
Übersetzung hast Du bekommen. Wenn es tatsächlich um die Rolle des Bundespräsidenten geht, und das Bild und die
direkte Übersetzung Dir nicht wichtig sind, sondern das, was darin ausgedruckt wird, kannst Du es nach
norwegischem Vorbild moderieren: "Forbundspresidentens rolle er å gå foran". "Forbundspresidentens rolle er å være
et forbilde for alle borgere i republikken." "Som statsoverhode skal Forbundspresidenten vise oss vei." Damit wird
sofort für Norweger viel deutlicher, was damit eigentlich gemeint ist, als wenn der Leithirsch in die Lichtung
hineinspazieren würde.

Schliesslich:
Der Igel Ludvig:
http://snipurl.com/22cx9fh

Der Igel Harald:
http://snipurl.com/22cxcls

26.02.12 13:30
Du hattest recht, Mestermann, das Lernen geht auch im Jahr 2012 weiter! Ganz lieben Dank für die ebenso informative wie unterhaltsame "Doktorarbeit".

Im übrigen ist der deutsche Text, von der generellen stilistischen Problematik des Vergleichs zwischen einem (stolzen, edlen) Tier und einem Menschen (einem Politiker) einmal abgesehen, nach meinem Dafürhalten sowohl sprachlich wie auch als Allegorie schon deshalb verfehlt, weil es zumindest bei den Rothirschen gar keinen "Leithirsch" und auch keine "Herde" gibt. In der Jägersprache findet sich allenfalls der Begriff "Leittier". Das ist aber kein männliches Tier, sondern eine Hirschkuh, die ein sogenanntes Kahlwildrudel anführt, also ein Rudel, das sich aus mehreren Mutterfamilien zusammensetzt, die jeweils aus Alttier, Jährling und Kalb bestehen. Demgegenüber gibt es bei den aus den männlichen Tieren bestehenden Hirschrudeln keinen dem Leittier des Kahlwildrudels entsprechenden Rudelführer. (Vgl. hierzu http://de.wikipedia.org/wiki/Rothirsch - Ziff. 9.) Wahrscheinlich sucht man aus diesem Grund im Duden, im DWDS und im Deutschen Wörterbuch vergebens nach einem Eintrag für das Wort "Leithirsch".

Vielleicht dachte der Verfasser eigentlich an einen "Leithammel" (dazu würde auch die Verwendung des Wortes "Herde" passen), hielt dieses Tier aber in Hinsicht auf die von ihm beabsichtigte Allegorie für zu profan. Oder er wollte die negativen Konnotationen des Begriffs "Leithammel" vermeiden. Wie dem auch sei, die von Reinhard zitierte Textstelle erscheint mir aus den verschiedensten Gründen als mißlungen und genau genommen sogar als unsinnig. (War der Verfasser wirklich Günther Jauch? Das kann ich kaum glauben.)

Herzliche Grüße und noch einen schönen Restsonntag
Birgit

26.02.12 14:52
In Verbindung mit Hirsch gibt es den "Platzhirsch", der aber wohl eine andere Funktion als der Leithammel hat. :-)

27.02.12 00:59
Tiefe Verneigung für dieses philologische Bravourstück von einer Antwort.
( Der Zitierte unterstrich wohl im Mai 2011 mit diesem Satz die Qualitäten des ARD Programmdirektors Volker Herres, wenn ich nicht irre. Biologische Überlegungen zu Kahlwildrudeln unterliess er offenbar. Entertainer die sich in einem 120 000 000
Sprecher - Markt durchsetzen treffen eben oft präzise wie ein Geigerzähler den richtigen Ton im richtigen Augenblik. " flisespikeri " überlassen sie anderen.)
Mir ist der Satz hängengeblieben weil er lakonisch einer umständlichen Personenbeschreibeng aus dem weg geht.
Ich kann gar nicht genug staunen was Du Mestermann alles im Hut hast.
Und wieviel vornehme Zurückhaltung ( Vornehmheit kommt von Grosszügigkeit schreibt Peter Sloterdijk in Stress und Freiheit) in dieser vermeintlich einfach zu lernenden Sprache steckt.

Danke
Reinhard

27.02.12 03:55
Mannomann!
"Vornehme Zurückhaltung, Vornehmheit, Grosszügigkeit" usw., war das ironisch gemeint?

27.02.12 10:30
@Reinhard, 00:59

Seit wann ist es "flisespikkeri", wenn man einen mehr als hinkenden Vergleich als solchen benennt? Bist Du wirklich der Ansicht, Herr Jauch habe "den richtigen Ton im richtigen Augenblick" getroffen, als er für seine Laudatio das Bild eines "Leithirschs" bemühte, den es offensichtlich weder in der Natur noch in der deutschen Sprache gibt? Ich bin da nach wie vor anderer Auffassung, und für mich sind nicht alle Worte golden, nur weil sie aus dem Mund von Günther Jauch kommen. Gerade von einem "Meinungsführer" wie ihm hätte ich erwartet, daß er bei seiner Wortwahl bzw. der Wahl seiner stilistischen Mittel ein wenig sorgfältiger zu Werke geht.

Gruß
Birgit

27.02.12 12:54
@14:52 betr. Platzhirsch
Haha! Richtig, dessen Aufgabe ist es, einen Harem von willigen Hirschkühen um sich zu scharen und sich im eigenen Piss zu wälzen. Brøøøl!

Kim