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Hallo Heinzelnisse,
ich hoffe, meine Frage paßt ins Forum, hat sie doch auch mit Sprache zu tun...
Ich stolpere in Norwegen immer wieder über enorme Namenskonstrukte(Jorunn Josefine Høgh Homleid, Jardbjørg Krokann Stang, Kari Oddbjørg Engen Birkelund, Ingrid Regina Worning Berglyd, Mette Marit Thjessem Høiby) und kann mir nicht immer erklären, wie es zu den Nachnamen kommt.
Warum z.B. trägt Mette Marits Sohn den Namen Marius Borg Høiby, obwohl sie nie mit Morten Borg verheiratet war.
Warum heißt er z.B. nicht Marius Thjessem Høiby Borg oder Marius Borg Thjessem?
Wer kann mir bitte erklären, wie es zu diesen Nachnamen kommt. Die Vornamen sind ja wohl normale Doppelnamen-Kombinationen.
Das Ganze verwirrt mich wirklich...
Danke für Eure Hilfe und viele Grüße von
Malin

14.07.14 20:02
Der echte Nachname ist hier in der Regel nur der letzte Teil, jedenfalls wenn kein Bindestrich benutzt wird.
Der Extra-Bestandteil zwischen Vorname(n) und Nachname ist der "mellomnavn" / Zwischenname. Es sind auch mehrere Zwischennamen möglich. Siehe Wikipedia: http://no.wikipedia.org/wiki/Mellomnavn

Gruß W.

14.07.14 22:56, Mestermann no
Die Namenstradition und Gesetzgebung ist in Skandinavien ein bisschen anders als auf dem Kontinent.

Man muss erstens zwischen (mehreren) Vornamen, (mehreren) Mittelnamen und (mehreren) Nachnamen trennen.

Unter fornavn versteht man einen oder mehreren Personennamen, mit oder ohne Bindestrich: Peter, Hans, Hans-
Petter, Johan Jørgen.

Unter mellomnavn versteht man in Skandinavien einen oder mehreren Namen, die ursprünglich Familiennamen
gewesen sind, z.B. die Ministerpräsidentin a.D. Gro Harlem Brundtland - geb. Harlem, verh. Brundtland. Sie hat
gewählt, ihren Geburtsnamen als "mellomnavn" zu behalten, und als Nachname Brundtland dazu gefügt. Die Kinder
heissen Brundtland, hätten aber alle (wenn die Eltern oder sie es gewollt hätten), beide Namen tragen können.

Ein etternavn ist der Name der Familie - slektsnavn. Dieser kann auch doppelt sein, aber dann mit Bindestrich, z.B.
Heide-Steen, Lillo-Stenberg uva.

Da es ja heutzutage üblich ist, dass die Frau bei der Eheschliessung ihren eigenen Nachnamen behält, entweder als
einziger Nachname, als mellomnavn oder als Teil eines doppelten Nachnamens (mit dem Namen ihres Ehemannes
verbunden), kann es u.U. zu sehr langen Namenskonstruktionen kommen, vor allem wenn die Kinder obendrauf mit
doppelten Vornamen gesegnet worden sind.

Ein Kind ausser Ehe hat das Recht, den Nachnamen der Mutter wie auch des Vaters zu tragen. Im Fall vom Sohn IKH
der Kronprinzessin, trägt er den Etternavn des Vaters, Borg, als Mellomnavn, und den Etternavn der Mutter, Høiby, als
Etternavn.

Schon kompliziert. Aber die Norweger leben ziemlich unbeschwert damit. In der Alphabetisierung stehen die
Nachnamen zuerst, dann Vornamen + ev. Mellomnavn: "Brundtland, Gro Harlem".

15.07.14 16:14
Hei Mestermann,
wieder einmal eine brillante Erklärung!! Ich danke Dir viemals dafür. Ja, das ist wirklich kompliziert, aber ich werde mir Deine Antwort ausdrucken und auswendig lernen...
Immerhin können wir in D wenigsten mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger aufwarten....
Takk og hilsen fra Malin

15.07.14 16:19
Hei nochmal,
einer ist mir noch eingefallen:....
Simone Greiner-Petter-Memm
Gruß,
Malin

15.07.14 17:00, Mestermann no
Um es noch komplizierter zu machen, gibt es in Skandinavien auch doppelten Nachnamen, wo der erste Nachname
ursprünglich ein Vorname gewesen ist, oder Mittelnamen, die ursprünglich Vornamen gewesen sind, gern in Familien,
die durch einen berühmten Vorvater gekannt sind. So kann eine Frau u.U. einen männlichen Namen tragen:
Lisbeth David-Andersen (Abk. v. Goldschmied David Andersen), Hanne Wilhelm Hansen (Abk. v. Musikverleger Wilhelm
Hansen). Dies ist aber selten.

Der wichtigste Unterschied zu deutschen Verhältnissen ist wohl, dass es seit eh und je beim Namensrecht der Kinder in
Norwegen überhaupt keine spielt, ob die Eltern verheiratet sind oder nicht. Dies geht auf die für ihre Zeit und immer
noch sehr radikalen sog. Castbergske barnelover zurück, 1915, worin aussereheliche Kinder mit ehelichen Kindern
gesetzlich ganz gleichgestellt wurden; sie bekamen das Recht, den Vater zu erben, seinen Namen zu tragen, von ihm
unterstützt zu werden usf.

http://no.wikipedia.org/wiki/De_Castbergske_barnelover

Da diese Rechtslage inzwischen fast 100 Jahre alt ist, denkt niemand sehr viel darüber nach. Es ist ja auch durchaus
üblich, dass Mann und Frau als Lebensgefährten (samboere) Kinder haben, die dann entweder den einen, den anderen
oder beiden Namen tragen, als Mittel- und Nachnamen.

Weiter ist also ein wichtiger Unterschied, dass die Frau hier viel öfter ihren Geburtsnamen in der Ehe behält,
alleinstehend oder als mellomnavn, ab und zu auch mit Bindestrich als erster Teil eines neugebildeten Nachnamens. Als
z.B. mein Bruder geheiratet hat, hat seine Frau nicht seinen Nachnamen zusätzlich angenommen, sondern hat ihren
gebürtigen Nachnamen weiterhin getragen. Die sechs Kinder aus der Ehe, drei Jungen und drei Mädchen, tragen jeweils
seinen und ihren Nachnamen, so dass es aus ihren Nachnamen nicht hervorgeht, dass sie tatsächlich Geschwister sind.
Wie Du siehst, gibt es allerlei Lösungen und Variationen, aber es ist also alles ganz üblich.

15.07.14 17:30
Oh Mestermann,
das ist ja wirklich "komplisert".... und ganz anders als in Deutschland.
Nochmals ganz herzlichen Dank für Deine viele Mühe!
Gruß,
Malin

15.07.14 20:04
Verwirrend finde ich daran auch, dass Geschwister nicht alle den gleichen Zwischennamen haben, oder nur teilweise überhaupt einen - ich denke da an Tarjei Bø und seinen Bruder Johannes Thingnes Bø. Das führt glaube ich auch dazu, dass Sportreporter das Thingnes oft für einen zweiten Vornamen halten, zumal es ja Zwischennamen bei uns einfach nicht gibt.

Ich nehme jetzt mal an, dass Johannes seinen Zwischennamen von den Eltern bekommen hat, weil er den schon als recht junger Mensch hatte. Aber man kann sich auch selbst einen geben? Reicht es dazu aus, das einfach irgendwo eintragen zu lassen? Muss man dazu volljährig sein? Kann man einen Zwischennamen auch streichen lassen, wenn man ihn aus irgendeinen Grund nicht mehr führen möchte?

15.07.14 21:07, Mestermann no
Gutes Beispiel. Johannes und Tarjei haben beide dieselben Eltern. Die Mutter Aslaug Hildegunn ist geb. Thingnes, verh.
Bø, und trägt den Namen Aslaug Hildegunn Thingnes Bø. Der Vater heisst Klemet Bø. Es kann sein, dass Tarjei den
Zwischennamen Thingnes früher getragen hat, aber es weggelassen, der Einfachheit wegen. "Tarjei Thingnes" läuft nicht
so leicht im Mund.

Man kann sich ab der Volljährigkeit ohne weiteres jeden Zwischennamen oder Nachnamen dazulegen, den man das
Recht zu führen hat: den Familiennamen der Mutter oder des Vaters, aller Grosseltern, Urgrosseltern und
Ururgrosseltern. Auch kann man jeden Namen streichen. Solche Änderungen meldet man dem Volksregister zum
Gutheissen. Namen, die nicht in der Familie vorkommen, kann man nur nach Antrag zulegen. Heisst man z.B. Olsen, und
stattdessen Hansen heissen möchte, dürfte das normalerweise auf kein Problem stössen, da diese Namen so verbreitet
sind. Seltenere Namen, die nur mit einer oder wenigen Familien verbunden sind, kann man nicht ohne weiteres tragen,
da braucht man die Genehmigung der jeweiligen Familien.

Die Zwischennamen einzustufen ist in Deutschland manchmal schwer, da es sie ja nicht so gibt. Obwohl die Schriftsteller
Lars Saabye Christensen und Erik Fosnes Hansen nach unserer Tradition eigentlich als "Herr Saabye Christensen", bzw.
"Herr Fosnes Hansen" anzureden sind, werden die Journalisten manchmal verunsichert und sagen nur "Christensen" und
"Hansen".

16.07.14 08:02
Hei.
Diese Namenskostellationen sind ja ganz lustig, aber noch gewöhnungsbedürftiger sind
manchmal die Vornamen.
Wenn du z.B auf jemanden triffst, der sich mit Inge vorstellt, sich aber als Mann entpuppt,
oder Gerd. Das ist hier nämlich eine Frau :)

16.07.14 08:42, Emma Susanne
Der Vollstændigkeit halber: In Norwegen kann man auch seinen Vornamen ganz unkompliziert ændern. Oder einen weiteren Vornamen hinzufuegen.

Kurze Ergænzung zum Eintrag von 08:02:
Inge - im Deutschen ein Frauenname, im Norwegischen ein Mænnername.
Gerd - im Deutschen ein Mænnername, im Norwegischen ein Frauenname.

16.07.14 14:50, Mestermann no
Die Namen Gerd und Inge sind alte, nordische Namen. Inge ist auf dem Wege ins Deutsche wohl ein bisschen verändert
worden.

Gerd od. Gerda ist bei uns die weibliche Form vom Männernamen Gard, von altn. garđr, Abzäunung, Festung. Im
Deutschen gibt es Gerd und Gert als Kurzformen von Gerhard. Die Namen sind also Homonym, jedoch nicht
identisch.

Inge kommt vom Gott Ing, dem Bruder von Frøya. Die weibliche Form ist Inga.

Beide Namen können im Norwegischen Frauen- und Männernamen sein, allerdings selten.
Gert ist im Norwegischen wie im Deutschen ausschliesslich ein Männername.

16.07.14 23:48
Zur Ergänzung:

“Gerhard“ bzw. “Gerhart“ ist auch ein germanischer Name (allerdings kein nordgermanischer) und bedeutet
“harter Speer“.

16.07.14 23:57, Mestermann no
Ja, der norw. Name Geir bedeutet übrigens Speer. Man sieht die Verwandtschaft.

19.07.14 16:43
Men dette kan også være rett uforståelig også på tysk: Hvorfor heter den mangeårige fangne jenta fra Østerrike
Natascha Kampusch mens begge hennes foreldre har andre etternavn (henholdsvis Sirny og Koch)?
Hilsen fra Bjørn

19.07.14 21:49, Mestermann no
Foreldrene var aldri gift, morens pikenavn var Kampusch, senere gift Sirny, etter at forholdet til Koch tok slutt. Altså slik
det tidligere var i Norge: Uekte barn fikk automatisk morens navn.