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Hei,
die Dänen haben ja bekanntlich ein etwas merkwürdiges Zahlensystem, z.B. halvtreds = 50.
War ein solches System auch jemals in Norwegen aktuell? Und wenn ja, nur im Rahmen der dänischen Amtssprache, oder auch in einheimischem Norwegisch?

09.07.11 02:22, Mestermann no
Das dänische System ist nicht merkwürdiger als das französische...
Es ist eigentlich ein 20-Zahlsystem, wo die Formen halvtreds, tres, halvfirs, firs und halvfems Abkürzungen sind:

halvtreds = eigentl. halvtredsinstyve, gebildet von halvtredje, sinde (= "mal") und tyve, also 2½ mal 20.
tres = eigentl. tresindstyve, gebildet von tre, sinde und tyve, also 3 mal 20.
halvfjerds = eigentl. halvfjerdsinstyve, gebildet von halvfjerde, sinde und tyve, also 3½ mal 20
firs = eigentl. firsindstyve, gebildet von fire, sinde und tyve, also 4 mal 20
halvfems = eigentlich halvfemsindstyve, gebildet von halvfemte, sinde und tyve, also 4½ mal 20.

Die Formen halvtredje (2½), halvfjerde (3½), halvfemte (4½) werden alleinstehend nicht mehr im Dänischen
oder Norwegischen benutzt, aber die Form halvannen, also 1½, lebt noch - wie übrigens auf Deutsch: anderthalb.

Mit Variationen findet man auch in alten, norwegischen Texten dieses Zahlensystem, und Ivar Aasen, der Vater von
Nynorsk, fand in seinen Dialektuntersuchungen, dass sie auch von der Landbevölkerung benutzt wurde, besonders in
Küstengebieten. Genau wann die Trennung im allgemeinen Riksmål vom dänischen Zahlensystem stattfand, muss ich
nachschlagen. Aber ein so später Dichter wie Ibsen benutzt noch das alte System dann und wann, z.B. in "Terje
Vigen" (1862):
"...da han døde højt opp'i de tres".

Meine Eltern, geboren 1920 und 1921, verstanden noch von selbst, also unmittelbar, was z.B. "på det
halvtredsindstyvende året" bedeutete. Sie benutzten es zwar nie aktiv, aber es gehörte noch zu ihrem passiven
Wortschatz.

Es ist wohl also sprachgeschichtlich nicht eigentlich richtig, es als "dänisches" Zahlensystem oder "Amtssprache" zu
bezeichnen, sondern als eine in Norwegen inzwischen verältete, bzw. ausgestorbene Form aus der Dano-
Norwegischen Sprache, die ja nach 500 Jahren genau so "einheimisch" ist wie die Dialekten.

09.07.11 04:39
Når man snakker om 20-tall-systemet, burde ikke da også ordet "snes" vært nevnt?
(Jeg har oppfattet "tres" som en kortform av "tre snes".)

Akel (N)

09.07.11 10:02
Vielen Dank für die ausführliche Antwort!

Habe übrigens von einer Theorie gelesen, dass die Normannen dieses Zahlensystem nach Frankreich gebracht haben. (Allerdings ist das nur eine von mehreren Theorien über den Ursprung.)

09.07.11 12:31
Das Dezimalsystem ist relativ neu auf der Welt. Zählweisen mit der Basis 20 oder gar 60 (noch erhalten in Minuten) waren früher (d.h. vor 1000 und mehr Jahren) ganz üblich.

09.07.11 18:05, Mestermann no
@ Akel: Forsåvidt betyr jo "tress" tre snes, men det er altså en forkortelse for tresinnstyve, som betyr tre ganger
tyve og ikke tre ganger ett snes ("sinne" betyr bokstavelig talt "gang", som i "noensinne").

Dass die Normannen dieses Zahlensystem nach Frankreich gebracht haben, ist höchst unwahrscheinlich, denn auf
Altnordisch heissen die Zehner ab 50: fimmtíu (od. fimmtugir), sekstíu, (od. sekstugir), sjötíu usw.

Inzwischen habe ich mich schlauer gemacht, und habe Førsteamanuensis Tor Guttu gefragt, ob und wie weit das
dänische System in Norwegen jemals verbreitet war, und wann und wie es eventuell mit dem heutigen System ersetzt
wurde. Pauschal wusste er das nicht, aber schlägt jetzt in seinen Büchern nach, und kommt mit einer Antwort
zurück. Ich melde mich dann wieder.

Systeme mit 12, 20 und 60 als Grundzahlen waren nicht nur vor 1000 Jahren üblich, sondern bis ganz neulich – das
britische Pfund Sterling war z.B. bis 1968 nicht dezimal eingeteilt, sondern in 240 pence, oder 20 shillings, wonach
also 1 shilling = 12 pence. Die Denomination der Münzen folgte bis 1968 auch dasselbe System:

Half crown = 2 shillings 6 pence
Florin = 2 shillings
Shilling = 1/20 Pfund
Sixpence = 6 pence
Threepence (ausgesprochen ”throoppence”) = 3 pence
Penny = 1 pence
Halfpenny (ausgesprochen ”hay-p’nny”) = 1/2 pence

1 pence (penny) wurde also weiter in 2 halfpennies geteilt, oder auch (bis 1960) 4 farthings. Wonach also 1 Pfund
Sterling früher 960 farthings glich, oder 480 halfpennies. Ein farthing wurde bis 1913 geteilt in: half farthing (1/8
penny, also 1/1920 Pfund), third farthing (1/12 penny, also 1/2880 Pfund) und in den Kolonien auch quarter
farthing, (1/16 penny, also 1/3840 Pfund = £ 0.000 260 416 666 !)

In Norwegen hatten wir bis 1875 ein vergleichbares System (allerdings erheblich weniger kompliziert!), mit der
Münzeneinheit speciedaler, der in 120 skilling oder 5 ort (= 24 skilling) eingeteilt wurde. Die heutige Währung
mit kronen und øre wurde 1874-76 eingeführt.

Der Grund, warum Systeme mit 6, 12, 20, 24 und 60 beliebt waren, ist dass diese Zahlen sich besser teilen lassen.
Z.B. kann man 10 nur mit 5 und 2 teilen, während 12 sich mit 2, 3, 4 und 6 teilen lässt. Mit Gewichten und Mengen
auf dem Markt ließ sich also einfacher handeln, wenn die Systeme 12 als Grundzahl hatten.

Die Menge 12 nannte man auf Norwegisch früher ”tylft” (oder jetzt auch noch ”dusin”), 20 nannte man ”snes” und
120 nannte man ”storhundre”, also ”Großhundert”.